MUTMACHEN (49)

Ein geistliches Wort von Pfarrer und Dekan Ingo Kuhbach

Buntglasfenster mit Maria, Josef und dem Jesuskind, sowie den Propheten Hanna und Simeon bei der Darstellung Jesus im Tempel
Foto: falco (pixabay.com)

Lichtmess – Darstellung des Herrn im Tempel

„Und als die Tage Als sich für sie die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung erfüllt hatten, brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn darzustellen, wie im Gesetz des Herrn geschrieben ist: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn heilig genannt werden. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann namens Simeon. Dieser Mann war gerecht und fromm und wartete auf den Trost Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe. Er wurde vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, - und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und Gottes Gnade ruhte auf ihm.“ (Lukas 2,22-40)

Zum endgültigen Abschluss der Weihnachtszeit feiert die Kirche das Fest DARSTELLUNG DES HERRN. Früher hieß es Mariä Lichtmess, aber die Hauptperson ist natürlich der Herr, also das Jesuskind, und eigentlich nach ihm NICHT Maria oder Josef, sondern Simeon und Hanna. Mit diesen beiden, kommen nun alte und gebrechliche Menschen zum „Neugeborenen“ Jesuskind und erkennen in ihm den Erlöser. Mit diesen beiden ALTEN kommen aber auch definitiv die ARMEN zu Jesus. Ein Blick auf eine andere Stelle des Evangeliums kann das verdeutlichen:

„Er sah aber auch eine arme Witwe, die dort zwei kleine Münzen hineinwarf. Da sagte er: Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen; diese Frau aber, der es am Nötigsten mangelt, hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.“ (Lukas 21,2-4)

Die Alten lebten von dem, was ihre Kinder ihnen gaben. Dass Hannah überhaupt Kinder hatte, ist nicht erwähnt, und dass Simeon ein Priester gewesen sei, so wie oft auf Bildern dargestellt, ist ebenfalls nicht in der Heiligen Schrift erwähnt (deshalb gefällt mir das ausgewählte Glasfenster ganz besonders, da werden „normale“ betagte Menschen gezeigt), und dass er Kinder gehabt hätte ebenfalls nicht. Es scheint also dem biblischen Bericht zufolge so zu sein, dass da eher zwei mittellose Menschen dem Jesuskind begegnet sind. Denn auch wenn die Hirten sicher nicht zu den Spitzenverdienern der damaligen Zeit gehörten, sie hatten ihr Einkommen, und die Weisen aus dem Morgenland, die sich teure Geschenke wie Gold, Weihrauch und Myhrre leisten konnten allemal.

Etwas GANZ anderes aber kann NOCH auffälliger sein: Simeon wird zwar als gerecht und gottesfürchtig beschrieben, er weissagt auch, wird aber dennoch NICHT als Prophet bezeichnet. Hanna dagegen wird ausdrücklich „Prophetin“ genannt. Nimmt man die Schrift ernst, ist es also eine Frau, die die Reihe der PROPHETEN abschließt, die Liturgie dagegen jubelt am Geburtstag von Johannes dem Täufer am 24. Juni bei der Präfation: „Als einziger der Propheten schaute er den Erlöser …“ (Schott-Messbuch) Johannes der Täufer allerdings wird meines Wissens nach eher indirekt als Prophet bezeichnet. Die Menschen damals sehen ihn in einer Reihe mit Elija oder sonst einem der Propheten. Wie man es auch sehen will: er war eben nicht der einzige Prophet, der den Erlöser sah, wenn man damit die „Berufsbezeichnung“ meint. Der einzige männliche dagegen schon …

Mich berührt das dieses Jahr besonders, dass Hannah als Prophetin bezeichnet wird, wo doch im gesamten Alten Testament nur 4 Frauen ausdrücklich so genannt werden: Mirjam, Debora, Hulda und Noadja, und das Judentum im Talmud noch 4 weiteren diesen Titel zuerkennt: Sara, Hanna (die Mutter Samuels), Abigajil und Ester. Bücher von diesen Prophetinnen gibt es nicht, dafür einige Texte, die zu den Ältesten schriftlich fixierten Überlieferungen der Bibel zählen: Das Mirjamlied (Exodus 15,20) und das Deboralied (Richter 5). Dagegen gibt es von 16 Männern komplette Prophetenbücher in der Heiligen Schrift - und von etlichen mehr Aussprüche.

Warum berührt mich das dieses Jahr so? Weil gerade in der Katholischen Kirche viel über die Rolle der Frau geredet wird, was ich nicht schlecht finde, mir aber hin und wieder nicht ganz mit dem gedeckt zu sein scheint, was in der Heiligen Schrift grundgelegt ist, sondern oftmals eher ideologisch positiv oder negativ besetzt wird.

Von der Prophetin Hanna ist leider im Gegensatz zu Simeon KEIN Wort überliefert. Aber während Simeon offenbar nur mit den Eltern Jesu spricht, redet Hanna zu allen, die auf die den Erlöser warten. Nun kann man darüber wieder lamentieren, dass das typisch sei für die Männerdominierte Heilige Schrift, aber wer so denkt lässt absolut den Würdetitel außer Acht, der Hanna ausdrücklich zugeschrieben wird, aber dem Simeon versagt bleibt, auch wenn er dem Sinn nach (ähnlich wie Johannes der Täufer) so bezeichnet werden kann … Für mich ist diese Stelle ausdrücklich ein Hinweis darauf, dass es KEINE böse Absicht sein kann, wenn kein Wort überliefert ist, denn die Bezeichnung „Prophetin“ ist mindestens so viel wert, wie die ausgesprochenen Worte zu den Eltern Jesu. Es mag typisch „männlich“ sein, dass nur vom Mann Simeon ganze Sätze überliefert sind, aber dem Heiligen Geist, der den „Verfasser“ der biblischen Erzählung inspiriert hat, ist es dennoch gelungen, auch der wortlos gebliebenen Frau Hanna Würde zuzusprechen …

Mir ist bewusst, dass das für viele nicht viel mit Lichtmess zu tun zu haben scheint, aber da am 31. Januar in Deutschland der Sonntag des Wortes Gottes gefeiert wird, finde ich es auch wichtig, ein wenig darüber nachzudenken, was Gottes Wort so alles in sich birgt …

Ein geistliches Wort von Pfarrer und Dekan Ingo Kuhbach