MUTMACHEN (50)

Ein geistliches Wort von Pfarrer und Dekan Ingo Kuhbach

Mann schaut mit dem Oberkörper aus der Decke seines völlig zerstörten Hauses heraus
Foto: FreeCreativeStuff (pixabay.com)

5. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr B

Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf seinen Lohn wartet. So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, sie gehen zu Ende, ohne Hoffnung. Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist! Nie mehr schaut mein Auge Glück. (Ijob 7,1-4.6-7)

Niederschmetternd, was Ijob alles erlebt: da wird einem wohlhabenden Mann alles genommen, was ihm lieb und teuer ist, zuletzt sogar seine Gesundheit. Kein Wunder, dass er enttäuscht ist von Gott. Aber: Er wendet sich dennoch nicht ab von ihm sondern fasst seinen ganzen Schmerz in Worte und wirft ihn so zornig betend Gott sozusagen an den Kopf. Während er das unverdrossen tut, kommen seine Freunde und sagen ihm, er soll sich nicht bei Gott beschweren, sondern seine Schuld, seine Vergehen finden, sie vor Gott bekennen und ihn um Verzeihung bitten. Aber Ijob ist sich keines Unrechts, keiner Sünde bewusst. So betet er unverdrossen weiter und fordert Gott auf, ihm, dem Menschen Ijob, Rechenschaft zu geben über das Unglück, das über ihn hereingebrochen ist. Im Buch Ijob in der Bibel wird am Ende das Unheil gewendet, warum auch immer. Und Ijob geht es danach noch besser, wie zuvor.

Bibelwissenschaftler sagen, dieses Ende sei erst später dazu gestellt worden. Das eigentliche sei das sich beschweren, das Leid aussprechen. Im Buch Ijob übrigens gibt es eigentlich keine richtige Erklärung für Ijobs Leid. Da heißt es nur zu Beginn, dass Gott es zugelassen habe, wie der Satan, der Diabolos (Durcheinanderwerfer), diabolisch ins Leben des Ijob eingreift, um alles aus dem Ruder zu werfen.

Bei uns ist es derzeit ein Virus, das alles über den Haufen wirft, durcheinander bringt und nicht wenigen Existenzsorgen bereitet. Was kann uns dazu das Buch Ijob sagen? Dass wir unsere Sorgen und Ängste, aber auch unsere Wut vor Gott aussprechen können, sollen und dürfen. Allerdings: Wie er damit umgeht, müssen wir ihm überlassen. Wenn ich aber glauben kann, dass solches vor Gott aussprechen wirklich bei ihm ankommt, und keine reinen Selbstgespräche sind, kann so etwas von dem Druck, dem Balast abgegeben werden, der mich drückt oder einengt. Das ändert nichts an der äußeren Situation, aber Druck abgegeben erleichtert und hilft, nicht innerlich zu zerreißen, zu zerplatzen. Ja, ich wage sogar zu behaupten, solches Druck ablassen vor Gott kann wie auch immer Hoffnung schenken, Mut machen, nicht aufzugeben.

Zumindest erleb ich das so. Ich persönlich mache das gerne in der St. Annakapelle, wenn ich dort etwas richte oder aufräume. Das mache ich am liebsten abends oder nachts, wo es keinen großen Besuch in der Kapelle gibt. Zwar „meckere“ ich meist in meinem Inneren vor Gott, aber manches Mal auch laut. Der Unterschied zu einem Selbstgespräch ist: Ich tue das bewusst vor Gott. Und das ist etwas anderes, wie wenn ich es nur mir selber sagen würde. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Gott mich hört und mich sieht, auch wenn ich selber irgendwie mit dem zurecht kommen muss, was gerade gefordert ist oder ich selber die Worte finden muss, die ich als Trost oder Hoffnung zu anderen sprechen soll als Priester. Zwar mag mancher das nun doch als Selbstgespräch ansehen, aber wer die Bibel etwas genauer anschaut, der kann feststellen, so haben viele gebetet, sich an Gott gewandt. Auch Jesus am Abend vor seinem Tod.

Beim Beten am Ölberg da bringt er zum Ausdruck, was er nicht will, aber er überlässt es dann Gott, wie er damit umgeht. Und was tut dieser Gott? Dem Lukasevangelium zufolge sendet er einen Engel, der ihn stärkt (Lk 22,43-44). Ändern tut das am Leidensweg rein nüchtern von außen betrachtet, sozusagen objektiv, nichts, aber subjektiv, von Jesus aus betrachtet, geht er nach dieser Aussprache mit der Gewissheit den schweren Weg, dass er nicht vom Vater verstoßen oder vergessen worden ist. An Ostern zeigt sich dann zumindest für den Gläubigen, dass diese subjektive Sicht Jesu die richtige war …

Leid und Schmerz, das, was uns nicht gefällt, was unser Leben aus der Bahn werfen kann, lässt sich nicht abändern oder von Gott mit einem Wimpernschlag aus der Welt schaffen. Aber wenn ich es vor ihm ins Wort fasse, vor ihm ausspreche, ihm hinhalte, dann hat er die Chance mich spüren zu lassen, dass er trotz allem an meiner Seite steht, zu mir hält. „Wenn ich auch gleich nichts fühle, von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht“, so wird im Lied So nimm denn meine Hände gesungen.

Ich wünsche uns allen so ein Vertrauen, so einen Glauben. Denn er kann helfen, gerade dann innerlich aufrecht und getrost meinen Weg zu gehen, wenn mir buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird oder ich mich schutz- und hilflos äußeren Umständen ausgeliefert sehe ...

Ein geistliches Wort von Pfarrer und Dekan Ingo Kuhbach