MUTMACHEN (53)

Ein geistliches Wort von Pfarrer und Dekan Ingo Kuhbach

Judas küsst seinen Freund Jesus und verrät ihn dadurch an die Soldaten
Foto: seostar (pixabay.com)

1. Fastensonntag Judas Iskariot

Judas gehört nicht unbedingt zu den beliebtesten biblischen Gestalten, sein Name ist sogar zu einem Schimpfwort geworden: „Du Judas“, so sagte man zumindest früher zu einem Verräter. Und das ist ja auch das „Entscheidende“, was wir von Judas wissen: Dass er Jesus an seine Feinde ausgeliefert hat, das meint an Mächtige in der jüdischen Oberschicht, denen es nicht gefiel, wie Jesus über Glaube und Religion, aber auch über Ethik dachte, lehrte und durchaus auch handelte.

Ob Judas sich auch daran gestört hat, dafür gibt es eigentlich keine Hinweise in den Evangelien. Dafür gibt es Hinweise, dass er vor seiner Zeit mit Jesus einer Gruppe angehört hat, die die römischen Besatzer Israels, also die Römer, mit aller Gewalt aus dem Land schaffen wollten und dafür auch zu Gewalt und Terror bereit waren. Das wird sich mit dem friedliebenden Mann aus Nazareth nicht immer so ganz vertragen haben, auch wenn wir bisweilen bei diesem Fokus auf Jesus vergessen, dass er durchaus auch in der Lage war, zu stören oder Unruhe zu stiften. Bei der sogenannten Reinigung des Tempels zum Beispiel, bei der er einfach die Tische der Händler und Geldwechsler umwarf. Folgt man Markus, Matthäus und Lukas, dann war das die erste Tat Jesu nach seinem Einzug in Jerusalem, der bekanntermaßen auf einem Esel und unter breitem Jubel der Bevölkerung vor sich ging.

Für Judas, so viel scheint man mit großer Sicherheit sagen zu dürfen, war es gut denkbar, dass Jesus der Messias sei, den Gott seinem auserwählten Volk versprochen hatte. Aber: Judas scheint sich einen „politischen“ Messias / Heiland / Erlöser erhofft zu haben, einen, der mit Macht gegen die Besatzung Roms vorgeht. Der bereits erwähnte Einzug Jesu in Jerusalem kann in Judas die Hoffnung geweckt haben, „auf das richtige Pferd“ gesetzt zu haben, auch wenn Jesus sich für ein für einen „Kämpfer“ ungewöhnliches Reittier, den Esel, entschieden hatte.

Im Verlauf der Woche nach Palmsonntag aber muss etwas in Judas vorgegangen sein. Am Dienstag oder Mittwoch erklärte er gegenüber den „Hohepriestern“ seine Bereitschaft, Jesus in ihre Hände auszuliefern. Die Frage „Warum“ die stellt sich auch mir. Vielleicht wollte dieser Judas Jesus zwingen, nun endlich seine „politische“ Seite zu zeigen, seine „Voll-Macht“ zu demonstrieren. Gut möglich sogar, dass er da seinem eigenen biblischen Denken zum Opfer gefallen ist, das vor allem seine Sicht der Dinge „bekräftigt“ hat, nämlich an einem befreiten Israel mitzuwirken.

An diesem Sonntag hören wir von der Versuchung Jesu durch den Teufel. Im Markusevangelium, das dieses Jahr vorgesehen ist, wird darüber nur kurz berichtet. Aber Matthäus weiß ausführlicher zu beschreiben, wie Jesus in Versuchung geführt wurde: Durch einseitige Aussagen der Heiligen Schrift: „Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab und siehe, es kamen Engel und dienten ihm.“ (Mt 4,1-11)

Der Heiligen Schrift mangelt es nicht an Stellen, die beschreiben, dass Gott notfalls auch mit Gewalt „sein“ Recht einfordert, aber es gibt noch viel mehr Stellen, die vor allem auf seinen Willen zum Frieden und zum Miteinander verweisen. Die „gewalttätigen“ Aussagen, müssen richtig eingeordnet werden. Jesus ordnet die Aussagen, die der „Verführer“ ihm aus der Schrift anbietet, mit anderen Schriftworten „richtig“ ein, er erliegt nicht dem Buchstaben.

Judas scheint mir dem Willen erlegen zu sein, nachhelfen zu müssen, damit Jesus endlich sein „politisches“ Messias-Sein zeigt und das unterdrückte jüdische Volk befreit. Dass er am Tod Jesu absolut kein Interesse hatte, dafür spricht, dass er den Lohn für den Verrat, 30 Silberlinge, zurückgebracht hat, nachdem er sah, welchen Verlauf die Dinge sofort nahmen, als Jesus vor dem Hohen Rat stand.

Ob Judas deshalb in der Hölle gelandet ist, wie oft gemeint und dargestellt wird, oder ob er erfahren durfte, dass Jesus auch für diesen Irrtum bis ans Kreuz ging und Judas deshalb zu den Erlösten, den Heiligen zählt, weiß ich nicht. Aber es gibt solche Bilder, die Judas sogar mit „Heiligenschein“ zeigen, eines davon ist in der Klosterkirche von Ochsenhausen zu sehen, also in unserer Diözese!

Ein geistliches Wort von Pfarrer und Dekan Ingo Kuhbach